Begegnung auf Augenhöhe
Pflegetag widmet sich den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit Behinderung

Beim Pflegetag im Klinikum Memmingen erzählten Menschen mit Behinderung von ihren individuellen Bedürfnissen. Im Bild: Die Vorsitzende des Memminger Behindertenbeirats Verena Gotzes (vorne) und (dahinter) Regina Sproll von Regens Wagner. Foto: Eva Maria Häfele/Pressestelle Klinikum Memmingen
Für Menschen mit Behinderung stellt ein Krankenhausaufenthalt oftmals eine enorme Herausforderung dar. Denn die ungewohnte Umgebung in einer Klinik, fehlende Hilfsmittel oder der Verlust der täglichen Routine können bei den Betroffenen Ängste auslösen. Um dieser Patientengruppe gerecht zu werden, thematisierte ein Pflegetag am Klinikum Memmingen verschiedene Behinderungsarten und die daraus resultierenden Bedürfnisse.
„Auch wenn Menschen mit Behinderung im Alltag gut zurechtkommen, kann es sein, dass sie im Krankenhaus völlig überfordert sind“, betonte Moderatorin Regina Sproll von der Offenen Behindertenarbeit bei Regens Wagner. Leider sei das Klinikpersonal oft nicht ausreichend auf diese Patientengruppe und den Umgang mit komplexen Behinderungen vorbereitet.
„Fehlende Erfahrung in Bezug auf Menschen mit Behinderung, Zeitmangel oder eine erschwerte Kommunikation mit den Patienten – beispielsweise aufgrund einer geistigen Behinderung – können dazu führen, dass die Diagnosestellung erschwert wird oder die Menschen die Behandlung aus Angst komplett verweigern“, so Sproll.
Bei Patienten mit einer Autismus-Spektrum-Störung beispielsweise, die erfahrungsgemäß oft unter Berührungsängsten leiden, sei es wichtig, vor der medizinischen Intervention genau zu erklären, was gemacht wird und wann eine Berührung unvermeidbar ist.
„Wenn das Klinikpersonal mir sein Tun ganz genau beschreibt, komme ich ganz gut zurecht“, sagte auch Referentin Yvonne Burkhart, die mit einer Sehbehinderung lebt und deswegen auf eine transparente Kommunikation angewiesen ist.
Bei Patienten mit einer körperlichen Behinderung sei es wiederum wichtig, zu beachten, dass „Körperbehinderung nicht gleich Körperbehinderung ist“, wie die Rollstuhlfahrerin und Vorsitzende des Memminger Behindertenbeirats, Verena Gotzes, erklärte.
„Es gibt Menschen mit einer körperlichen Behinderung, die viel Kraft im Oberkörper haben und sich sogar selbst umsetzen können und andere wiederum, die gar keine Sitzbalance haben und leicht aus dem Rollstuhl fallen. Dies gilt es bei der Pflege zu berücksichtigen.“ Deswegen sei es laut Gotzes wichtig, immer mit den Betroffenen zu sprechen: „Fragen Sie, ob Hilfe benötigt wird und wenn ja, welche. Denn die Betroffenen wissen selbst am besten, was sie brauchen und was nicht.“
Auch Behinderungen, die für Außenstehende nicht sichtbar sind, sollten laut den Referenten nicht heruntergespielt oder verneint werden: „Mich verletzt es, wenn das Klinikpersonal meine psychische Erkrankung nicht ernst nimmt“, sagte beispielsweise eine junge Frau mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, die beim Fortbildungstag zu Wort kam.
„Unser Ziel ist es, bereits im Vorfeld die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu ermitteln, um sicherzustellen, dass sie bei einem Klinikaufenthalt adäquat behandelt werden“, erklärte Pflege-Projektmanagerin Andrea Zeidler vom Klinikum Memmingen, die bei der Organisation des Pflegetages von Regina Sproll und dem Memminger Behindertenbeirat unterstützt wurde.
„Durch solche Fortbildungstage können wir einen Perspektivwechsel wagen, Begegnung auf Augenhöhe schaffen und die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderung ermitteln, damit wir sie bei einem Krankenhausaufenthalt nicht noch zusätzlich behindern“, so Sproll.