Hand in Hand im Kreißsaal
Hebammensymposium unterstreicht die Bedeutung einer familienorientierten, praxisnahen und interdisziplinären Geburtshilfe
Sprach beim Hebammensymposium am Klinikum Memmingen vor rund 100 Interessierten: Dr. Maximilian Hütter, leitender Oberarzt der Frauenklinik und Leiter der Sektion Geburtshilfe und Perinatalmedizin. Fotos: Eva Maria Häfele/Pressestelle Klinikum Memmingen
Die Geburt eines Kindes gehört zu den prägendsten Momenten im Leben einer Familie. Damit dieses Ereignis so sicher und selbstbestimmt wie möglich verläuft, setzt die moderne Geburtshilfe auf interdisziplinäre Teamarbeit. Beim zweiten Hebammensymposium im Klinikum Memmingen mit rund 100 Teilnehmenden gaben praxisnahe Vorträge und ein offener Austausch aller beteiligten Disziplinen tiefe Einblicke in den geburtshilflichen Alltag.
„Die Anforderungen an die moderne Geburtshilfe steigen stetig“, betonte Organisator Dr. Maximilian Hütter, leitender Oberarzt der Frauenklinik am Klinikum Memmingen sowie Leiter der Sektion Geburtshilfe und Perinatalmedizin. „Gefragt ist eine Balance aus maximaler medizinischer Sicherheit sowie einer natürlichen, interventionsarmen Geburtsbegleitung.“ Nur im gut aufeinander abgestimmten Zusammenspiel der beteiligten Fachdisziplinen Frauenklinik, Anästhesie und Kinderklinik könne man bedarfsgerechte, professionelle Geburtshilfe gestalten, betonte Hütter. Erfahrung, Intuition, Kollegialität und ein Agieren auf Augenhöhe seien dabei wichtige Prämissen.
Um eine lückenlose und familienorientierte Versorgung zu gewährleisten, bietet das Klinikum bereits vor der Geburt ein „präpartales Gespräch“ an, bei dem sich die Paare „mit allen Fragen und Anliegen an das Kreißsaalteam wenden können“, wie die leitende Hebamme und Mitorganisatorin Stephanie Frick erklärte. „Diese vorgeburtliche Sprechstunde in unserer neu geschaffenen Ambulanz wird sehr gut angenommen, denn die werdenden Eltern haben einen hohen Informationsbedarf“, betonte Frick und unterstrich dabei die Wichtigkeit der Verzahnung von ambulanter und stationärer Betreuung.
Wird bei einer vorgeburtlichen Untersuchung eine schwere Erkrankung des noch ungeborenen Kindes festgestellt, die dazu führen könnte, dass das Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verstirbt, bietet das Klinikum Memmingen die Möglichkeit einer palliativen Geburt an.
„Dabei steht nicht die Ausschöpfung intensivmedizinischer Maßnahmen im Vordergrund, sondern die einfühlsame Begleitung der Familien auf dem kurzen Lebensweg ihres Kindes“, informierten Kinderkrankenschwester und Palliativ Care Fachkraft Sonja Schalk sowie Hebamme Johanna Müller, beide ausgebildete Trauerbegleiterinnen am Klinikum Memmingen. In ihrem bewegenden Vortrag „Wenn das Leben nur kurz verweilt“ stellten Schalk und Müller auch ein neues Nachsorgeangebot für verwaiste Eltern vor – ein Pilotprojekt am Klinikum Memmingen: „Hier versuchen wir, nach dem Tod eines Kindes, das Unbegreifliche begreifbar zu machen und die betroffenen Familien in all ihren Belangen zu unterstützen und zu stabilisieren.“
Über Warnsignale, mit Hilfe derer harmlose Säuglingskrankheiten von ernsthaften medizinischen Notlagen unterschieden werden können, referierte Kinderarzt Dr. Ralf Pallacks unter dem Titel „Das Kind gefällt mir nicht“. Dabei ging der Oberarzt a.D. auf lebensbedrohliche Erkrankungen beim Neugeborenen ein, die innerhalb kurzer Zeit zum Tod des Kindes führen können. Diese Erkrankungen von harmlosen Säuglingskrankheiten zu unterscheiden – oft noch unter Zeitdruck – sei essentiell. Dabei stellte Pallacks anhand von Bildern und Videos typische Warnsignale bei schwerkranken Säugling vor wie veränderte Atmung, erhöhte Temperatur, Trinkverweigerung, Apathie oder auffälliger Hautausschlag.
Sind beim Baby bereits vor der Geburt gewisse Startschwierigkeiten absehbar, beispielsweise aufgrund eines geplanten Kaiserschnitts, einer diagnostizierten Fehlbildung beim Kind oder eines Schwangerschaftsdiabetes bei der Mutter, wird eine vorgeburtliche Kolostrumgewinnung empfohlen. Darunter versteht man das Sammeln der ersten Muttermilch bereits vor der Geburt. „Diese wertvolle Milch wird eingefroren und direkt nach der Entbindung an das Neugeborene verfüttert, falls das anfängliche Stillen erschwert ist“, erklärten Kinderärztin Kirsten Brebach und Kinderkrankenschwester Friederike Brader. „Kolostrum enthält wichtige Immunfaktoren, welche das Neugeborene vor Infektionen schützen. Außerdem ist es reich an Proteinen, Vitaminen sowie Mineralstoffen und unterstützt die Reifung der Organe“, schilderten Oberärztin Brebach und Stationsleiterin Brader in ihrem Vortrag zu einem ganzheitlichen Stillkonzept am Klinikum Memmingen.
Die Organisatoren des Hebammensymposiums: Stephanie Frick, leitende Hebamme am Klinikum Memmingen, und Oberarzt Dr. Maximilian Hütter, Leiter der Sektion Geburtshilfe und Perinatalmedizin.
Kinderkrankenschwester und Palliativ Care Fachkraft Sonja Schalk sprach beim Hebammensymposium am Klinikum Memmingen vor rund 100 Interessierten über die Möglichkeit einer palliativen Geburt, wenn beim Kind im Mutterleib eine unheilbare Erkrankung festgestellt wurde.
Kinderklinik-Oberarzt a.D. Dr. Ralf Pallacks ging unter dem Titel „Das Kind gefällt mir nicht“ auf lebensbedrohliche Erkrankungen beim Neugeborenen ein.
Kinderärztin Kirsten Brebach (links) und Kinderkrankenschwester Friederike Brader (von hinten) sprachen über die vorgeburtliche Kolostrumgewinnung, bei der bereits vor der Entbindung die erste Muttermilch gesammelt wird.